System Thinking
Querdenken mit System

Wie wir denken

Sind wir Menschen rationale Wesen, die  stets vernünftige Entscheidungen treffen? Natürlich nicht. Was der Kopf sagt und was der Bauch will, kann weit auseinanderliegen. Auch in Wirtschaftsdingen handeln wir alle weit emotionaler als lange gedacht.

Forscher unterscheiden zwei Denksysteme, die parallel in Betrieb sind.  Einerseits das "obere", explizite, rationale System 2, von dem  wir lange dachten, dies sei die enzige Form von Intelligenz. Doch inzwischen ist unbestritten, dass das "untere", implizite, emotionale System 1 den weitaus größten Anteil an unserem Denken hat. Im Alltag ist das kein Problem, denn wir benutzen beide Systeme gleichzeitig und sie ergänzen sich hervorragend. Nur manchmal werden uns die Konflikte schmerzhaft bewusst. "Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt", schrieb der französische Philosoph Blaise Pascal.


Das emotionale System 1

Es sichert unser Überleben und Funktionieren im Alltag. Hier zählt vor allem Schnelligkeit:  Das emotionale System 1 verarbeitet alle unsere Wahrnehmungen, bewertet ihre Relevanz, vergleicht diese Informationen mit unseren Erfahrungen, verknüpft sie mit unseren Motiven und initiiert unsere Handlungen. Und dafür braucht es nur Sekundenbruchteile! Es hat seinen Job gemacht, lange bevor wir überhaupt einen Gedanken in Worte fassen können. System 1 ist schnell, oberflächlich, voller Vorurteile - und es ist die entscheidende Instanz. Im wahrsten Sinn des Wortes: Ohne Emotionen können wir keine Entscheidungen treffen. System 1 spricht Körpersprache: Es lässt unser Herz bis zum Hals schlagen, treibt uns den Schweiß auf die Stirn, erzeugt ein flaues Gefühl im Bauch. Es vermittelt uns aber auch überraschende kreative Einfälle und starke Ahnungen, die urplötzlich in unserem Bewusstsein auftauchen. Laut dem Emotionsforscher Antonio Damasio sind Emotionen die körperlichen Reaktionen auf das System 1-Denken und Gefühle sind die bewusste Wahrnehmung dieser körperlichen Veränderung.


Das rationale System 2

Das rationale Denken ermöglicht uns detaillierte Erkenntnisse über unsere Umwelt,  planmäßiges Handeln und systematische Entwicklungen. Um System 2 effektiv zu nutzen,  müssen wir es über viele Jahre durch Logik, Faktenwissen, wissenschaftliche Methoden usw. trainieren. Und doch hat es Grenzen und Schwächen. Konzentriertes System-2-Denken ist im Vergleich zu System-1-Denken sehr langsam und anstrengend. Die Folge:  Unser Gehirn schaltet  bei jeder Gelegenheit in den energiesparenden System-1-Modus zurück. Bei  schweren Entscheidungen suchen wir daher nicht lange nach der objektiv besten Lösung, sondern nach der Lösung, die mit dem geringsten  Aufwand funktioniert - dazu verfügen wir über eine Vielzahl von erlernten "Voreinstellungen" oder "mentalen Modellen". 

Rationale Entscheidungen fallen und deutlich schwerer als emotionaleEin Beispiel: Wie würdest du dich  bei dieser Frage entscheiden: "Soll die Regierung a) die Steuern erhöhen oder b) die Ausgaben senken oder besser c) die Verschuldung abbauen?" Kannst du hier eine eindeutig, objektiv richtige Wahl (System 2) treffen?  Wahrscheinlich delegierst du die Entscheidung an dein emotionales System 1. Je nach deinen mentalen Modellen empfindest du Steuern vielleicht als Diebstahl ... oder bis überzeugt, die Reichen können deutlich mehr abgeben ... oder du folgst der Meinung eines Experten, dem du vertraust ... oder du kapitulierst vor dieser Frage,  weil du findest, dass die Welt viel zu kompliziert geworden ist.


Wie wir werden, wer wir glauben, zu sein

Oft denken wir, Lernen ist eine Ansammlung von Informationen in einer Art geistigen Bibliothek, die nach Fachgebieten sortiert ist. Und wenn eine neue Information dazukommt, dann ist sie automatisch ein Teil des Wissens, wie ein weiteres Buch in der Bibliothek (System 2). Doch unser Verhalten wird eben nicht durch den Intellekt gesteuert, sondern durch Selbstorganisation auf Basis von Erfahrungswissen und Faustregeln  (System 1).

 Kinder sind die wahren Meister des Lernens. Der Lernforscher Jean Piaget erklärt dies so: Durch Beobachtung, Versuch und Irrtum bilden Kinder Verhaltens- und Denkmuster (Schemata), auf die sie immer wieder zurückgreifen können. Diese Schemata manifestieren sich in Form von Faustregeln oder Glaubenssätzen: „Wenn dies passiert, folgt daraus das.“ Oder: „Um dies zu erreichen, musst du immer das tun.“ Oder „Das geht nicht weil …." Oder: "Das darf man nicht tun.“ In neuen Situationen können wir ohne lange nachzudenken ähnliche Muster aufrufen und schnell entscheiden. 

Viele Schemata kommen  aus unserer Kindeheit und sind für uns so selbstverständlich, dass sie uns gar nicht mehr bewusst sind.  Sie helfen uns, die Ereignisse in einen Kontext zu bringen; sie steuern unser Denken; sie verbinden uns mit unserer Kultur und unserer Peer Group. Und deshalb hängen wir  an ihnen: Wir besitzen Gewissheiten, halten an Überzeugungen fest und verteidigen unsere Grundsätze.  Der Vorteil: Diese Denkschemata verleihen uns unsere Identität. Der Nachteil: Neue Erlebnisse werden zunächst unbewusst immer so gedeutet, dass sie in ein schon bestehendes Schema passen. Widersprüche werden ignoriert oder geleugnet. Als Erwachsene können uns die Selbstannahmen daran hindern, uns weiter zu entwickeln. Denn wenn wir nur über veraltete und starre Schemata verfügen, dann begrenzen sie unser Denken. Anstatt aus Fehlern zu lernen, ziehen wir immer wieder die gleichen falschen Schlüsse.  In der "VUKA"-Welt von heute benötigen wir daher neue Modelle, die uns kluge Entscheidungen ermöglichen. Aber wie funktioniert das überhaupt - entscheiden?


Wie wir uns entscheiden

Versuch und Irrtum

Im Lauf unserer Evolution waren wir mit Versuch und Irrtum sehr erfolgreich:  "Wenn du die Nuss knacken willst, hau einen Stein darauf!" Aber in der VUKA-Welt liegen die Ursachen eines Problems und seine Lösung nicht mehr so klar auf der Hand wie in der Steppe. Und oft haben unsere Entscheidungen Nebenwirkungen, die erst sehr viel später oder an ganz anderer Stelle auftreten. Andere betrachten unsere Lösung vielleicht als Bedrohung. Wir können uns einfach nicht mehr  sicher sein, ob eine kurzfristig effektive Lösung eines Problems wirklich eine Lösung ist oder ob sie später oder an anderer Stelle neue Probleme schafft. Systemthinking-Pionier Peter Senge sagt dazu: "Die Lösungen von heute sind die Probleme von morgen." Diese Ambivalenz ist das A in VUKA.


Berechnung und Risiko

Die reine Vernunft genießt seit der Aufklärung das höchste Ansehen in unserer Kultur. Von uns  wird  erwartet, dass wir wichtige Fragen nicht nach Gefühl, sondern streng rational entscheiden, und das heißt in der Welt der Wirtschaft: Unseren persönlichen Nutzen berechnen. Das funktioniert aber nur dann gut, wenn alle Fakten, Alternativen und Folgen bekannt sind und es anerkannte Entscheidungsregeln gibt. Im modernen Business sieht es meist anders aus: Wenn schnelle Entscheidungen gefordert sind, sind selten alle Fakten bekannt.  Dann kann man nicht zwischen genau berechenbaren Alternativen auswählen, sondern man muss ins Risiko gehen und unter Ungewissheit entscheiden. Unsicherheit ist das U in VUKA


Intuition und Fehler

"Most of all, have the courage to follow your heart and intuition." Steve Jobs und viele andere erfolgreiche Persönlichkeiten betonen die Bedeutung der Intuition. Aber was ist das eigentlich - Intuition?  Bildungsforscher Gerd Gigerenzer erklärt sie so: "Eine Intuition ist weder eine Laune noch ein sechster Sinn noch Hellseherei noch Gottes Stimme, sondern eine Form unbewusster Intelligenz. Ein Bauchgefühl zu haben heißt, dass man spürt, was man tun sollte, ohne erklären zu können, warum."  Aber auch diese Art der Intelligenz fällt nicht vom Himmel - wir erwerben sie, indem wir aus unseren Erfahrungen und Fehlern lernen. Daniel Kahneman sagt dazu: "Die wahre intuitive Expertise ist aus langer Erfahrung und gutem Feedback über Fehler erlernt." Nur durch Fehler bemerken wir, ob unsere Erfahrungen aus der Vergangenheit auch in der Gegenwart noch stimmen. Diese Gegenwart verändert sich aber immer schneller - sie wird volatiler - und damit veralten auch unsere Intuitionen immer schneller und wir werden anfälliger für Fehler: Volatilität ist das V in VUKA. 


Wie wir Komplexität (nicht) bewältigen

Jeder von uns überblickt nur noch einen sehr kleinen Teil der Lebenswirklichkeit. Wie viel CO2 wird beim Streamen erzeugt? Ist mehr Demokratie im Nahen Osten wirklich gut? Unserer Realität besteht aus Millionen von Vorgängen, die  miteinander verflochten sind. Komplexität bestimmt unser Leben. Sie ist das K in VUKA. Es fällt  uns so schwer, komplexe Herausforderungen  zu lösen, weil es uns viel leichter fällt, Probleme zu vereinfachen,  zu ignorieren, alte Patentrezepte zu benutzen,  der Mehrheit zu folgen oder Entscheidungen an andere abzugeben.


Vereinfachen: "Keep it simple, stupid".

Wie schön wäre das Leben, wenn alles unter unserer Kontrolle wäre! Wir brauchen das Gefühl: "Ich habe die Dinge hier im Griff". Ohne dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit  fühlen wir uns schnell überfordert. Wenn wir in eine ungewohnte Situation geraten, in der unsere Sicherheiten ins Wanken geraten, blenden viele Menschen einfach aus, was sie stört. Sie vereinfachen die unübersichtliche VUKA-Welt solange, bis sie sich wieder wohlfühlen.  In der Politik sind einfache Erklärungen gerade wieder besonders gefragt. Die Anderen (aka "das Establishment", "die Ausländer" etc) sind an allem Übel schuld! Bauen wir eine Mauer, erhöhen wir Zölle, und schon ist wieder alles great! 


Ignorieren: "Das ist alternativlos"

Hast du auch schon mal eine Aktie gekauft und trotz hoher Verluste  behalten?  Eine geschäftliche Entscheidung verteidigt, auch wenn ihr Erfolg immer geringer wird? Je mehr wir in ein  Vorhaben investiert haben (auch emotional), desto schwieriger ist das Umschwenken auf einen anderen Kurs, desto vehementer ignorieren alternative Pfade. Das Wort "alternativlos" ist oft nur eine Ausrede für fehlenden Mut , Ideenlosigkeit oder es kaschiert Versagen. Doch viele Probleme der VUKA-Welt lassen sich  nur auf neuen Wegen lösen. 


Methodismus: "Ich habe alles im Griff."

Gerade erfolgreiche Menschen laufen besonders leicht in diese Falle. Überall gibt es Manager,  Ingenieure,  Ärzte, Politiker, die sich und ihre bewährten Methoden unfehlbar wähnen. Doch unser Wissen veraltet immer schneller und in komplexen Systemen  ändern sich die Regeln immer wieder, ohne dass man es realisiert. Wer in einer "neuen" VUKA-Situation reflexartig auf Basis seiner "alten" Methoden entscheidet, kann leicht Fehler machen, die andere ausbaden müssen.


Gruppendenke: "Bloß nicht aus der Reihe tanzen."

Wir fällen keine einsamen Entscheidungen im sozialen Vakuum. Im Gegenteil: Wenn unsere Bezugsgruppe - ob Familie und Freunde, Kollegen und Chefs oder die wissenschaftliche Community -  unserer Meinung zustimmt, stärkt das unsere Position in der Gemeinschaft und gibt uns außerdem mehr Sicherheit. Der Nachteil: Mutige, ungewöhnliche oder innovative Entscheidungen, wie sie in der VUKA-Welt immer öfter nötig sind, werden durch Gruppendenke und Konsensstreben erschwert.


Dataismus: "Dafür hab ich eine App."

Algorithmen nehmen uns immer öfter die Entscheidung ab. Sie berechnen, welche Produkte uns besonders interessieren, welche Partner gut zu uns passen,  welche Musik uns gefällt. Das erspart uns mühevolles Ausprobieren. Außerdem - sind die gebündelten Entscheidungen von Millionen Menschen nicht weiser als die eines Einzelnen?  Dataismus, der Glaube an die Allmacht der Daten, ist die digitale Form der Gruppendenke.


Systemdenken lernen in 3 Schritten

Viele aktuelle Probleme resultieren aus dem Unterschied in der Art, wie wir Menschen denken (mechanistisch) und wie die Natur funktioniert (systemisch). Hier kann dir Systemdenken weiterhelfen.

Der erste Schritt besteht darin, Systeme zu verstehen: Freunde dich mit ein paar grundlegenden Prinzipien an und versuche, sie im Alltag wiederzufinden - du triffst sie überall, wenn du sie mal erkennst.

Der zweite Schritt ist etwas anspruchsvoller: Mithilfe des Systemdenkens kannst du im Verhalten von Menschen und Organisationen bestimmte Muster erkennen und so  kluge Entscheidungen treffen, ohne alle Details wissen zu müssen.  

Im dritten Schritt solltest du dir einen Werkzeugkasten mit hilfreichen Methoden zulegen. Das wird dir helfen, deine Pläne in die Praxis umzusetzen.  Mehr dazu in meinen Workshops.